„Forum Privatheit“ im Interview: „Der Bevölkerung muss klar werden, welche Chancen und Risiken die Datenökonomie beinhaltet“

Prof. Dr. Jörn Lamla, Professor für Soziologische Theorie an der Universität Kassel und Prof. Dr. Thomas Hess, Direktor des Instituts für Wirtschaftsinformatik und Neue Medien an der Ludwig-Maximilians-Universität München, sind als Experten des BMBF-geförderten Forschungsverbunds „Forum Privatheit“ für das diesjährige Schwerpunktthema Datenökonomie zuständig.

Im Oktober fand in München eine interdisziplinäre Konferenz zum Thema statt. Im Interview erklären die Forscher die Bedeutung der Datenökonomie für Bürgerinnen und Bürger und die Relevanz und Rolle der Forschung.

„Konsumenten geben Daten über sich relativ schnell preis“, sagt Wirtschaftsinformatiker Prof. Dr. Thomas Hess.© Fraunhofer ISI/Luca Abbiento

Herr Professor Hess, was verstehen Sie als Wirtschaftswissenschaftler unter dem Begriff Datenökonomie?

Hess: Schon immer werden Daten durch Unternehmen, Konsumenten und damit alle wirtschaftlichen Akteure genutzt. Mit dem Begriff der Datenökonomie möchte man betonen, dass Daten nun ökonomisch besondere Bedeutung haben. Hintergrund sind die deutlich verbesserten Möglichkeiten zum Erheben und zum Verarbeiten von Daten.

 

 

Welchen Blick haben Sie als Soziologe auf das Thema, Herr Professor Lamla?

Lamla: In einer Datenökonomie tritt der Handel mit Daten und damit die Kontrolle und Verfügungsmacht über diese Daten ins Zentrum von Geschäftsmodellen und des Wettbewerbs. Von besonderer Bedeutung ist dabei die Verteilung von Wertschöpfungs- und Wertaneignungsprozessen.

„Bürgerinnen und Bürger werden zu Objekten der ökonomischen Datenproduktion und -verwertung“, sagt Soziologe und Verbraucherschutzexperte Prof. Dr. Jörn Lamla.© Fraunhofer ISI/Luca Abbiento

Welche Entwicklungen finden Sie vor diesem Hintergrund gut und richtig?

Lamla: Gut und richtig ist es, Daten und Datentechnologien als Mittel der Wertschöpfung und Lebensverbesserung einzusetzen. Es kann nicht darum gehen, die Potenziale zur Verbesserung von Informationslagen zu verteufeln: Es kommt vielmehr darauf an, dies gemeinwohldienlich und unter Wahrung, oder besser noch, Stärkung demokratischer Selbstbestimmungsmöglichkeiten und Grundrechte zu tun.

Gibt es auch Entwicklungen, die Sie kritisch sehen?

Lamla: Besonders beunruhigend ist, dass eine Tendenz zu beobachten ist, asymmetrische Kontrollstrukturen zu etablieren und auszubauen – insbesondere durch datenbasiertes Verhaltensmanagement. Und das geschieht auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Das heißt nicht nur durch Oligopole oder Monopole der großen Unternehmen, sondern auch als Paradigma des Umgangs mit den Bürgerinnen und Bürgern, den Verbraucherinnen und Verbrauchern.

Herr Professor Hess, worin sehen Sie die Besonderheiten der Datenökonomie?

Hess: Daten als Wirtschaftsgut haben besondere Eigenschaften. So nutzen sich Daten zum Beispiel nicht ab. Durch Zusammenführung können Daten an Wert gewinnen – das sieht man, wenn man Kundendaten aus unterschiedlichen Quellen verbindet. Einzeln betrachtet helfen die Daten einem Unternehmen nicht weiter. Ein auf Basis der zusammengeführten Daten erstelltes Profil kann aber sehr gut für die Personalisierung von Preisen oder Produkten genutzt werden. Aber auch auf der Seite von Konsumenten haben Daten Besonderheiten. So können viele Konsumenten die Risiken nicht abschätzen, die sich gerade aus der Zusammenführung von Daten ergeben. Nicht selten stimmen sie daher der Verwendung personenbezogener Daten recht schnell zu.

Herr Professor Lamla, warum ist das Thema „Datenökonomie“ für alle Bürgerinnen und Bürgerinnen so relevant?

Lamla: Diese Relevanz ergibt sich aus der Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger an der Wertschöpfung durch Daten und der gleichzeitig begrenzten Verfügungsmacht. Anstatt zum Souverän der Einrichtung von Strukturen der Datenökonomie zu werden, werden die Bürgerinnen und Bürger eher zu abhängigen Produzierenden sowie Objekten der ökonomischen Datenproduktion und -verwertung degradiert. Es bestehen starke Anreize und Versuchungen seitens der Digitalunternehmen, asymmetrische Kontrollpotenziale auszubauen und Verbraucherinnen und Verbraucher zu binden, um mithilfe dieser weitere Datenwertschöpfung generieren und aneignen zu können. Skandale, wie der Datenmissbrauch durch Cambridge Analytica im US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf, sind kein Unfall, sondern Ausdruck dieser Logik.

Welche Schritte müssen zum Beispiel getan werden, damit die Datenökonomie in Zukunft zum Wohle aller funktionieren kann?

Hess: Zwei Dinge sind besonders wichtig. Einmal müssen den politischen Handelnden die spezifischen Herausforderungen der Datenökonomie wirklich klar sein. Zudem muss der breiten Bevölkerung noch klarer werden, welche Chancen und Risiken mit der Datenökonomie verbunden sind. Beides sollte auch von der Wissenschaft vorangetrieben werden – innerakademische Einsichten reichen da nicht.

Lamla: Die Technikgestaltung im Bereich der Datenproduktion und -verwertung muss in ihrer gesellschaftlichen Tragweite anerkannt und dort, wo sie neue Infrastrukturen des Sozialen prägt, im Sinne einer konstitutionellen Versammlung auf erweiterten Verfahren und Formen der Beteiligung und Einbeziehung aller relevanten Stakeholder beruhen. Sie darf in diesen Bereichen nicht weiter als Sache von Privatunternehmen behandelt werden. Infrastrukturen des Sozialen sind Sache des Gemeinwesens.

Was kann Forschung für die Zukunft der  Datenökonomie tun?

Lamla: Sie muss vor allem interdisziplinär sein. Nur so können unterschiedliche Perspektiven eingenommen werden. Etwa auf die Motive der datenproduzierenden Nutzerinnen und Nutzer, auf vorhandene Rechtslagen und Regulierungsmöglichkeiten, auf die Situation von Unternehmen sowie auf den gesellschaftlichen Strukturwandel, der mit der Entwicklung der Datenökonomie einhergeht. Zum anderen können dadurch Gestaltungsansätze breiter identifiziert werden.

Hess: Genau richtig. Eine große Zahl der für die Privatheit im Internet wichtigen Fragen kann man letztendlich nur interdisziplinär angehen. Lassen Sie mich zwei Beispiele nennen. Das eben von mir erwähnte Phänomen, dass Konsumenten Daten über sich relativ schnell preisgeben, lässt sich mithilfe der Psychologie erklären, für die Analyse der Handlungskonsequenzen bieten die Ökonomie interessante Ansätze. Analog verhält es sich auch bei der Frage nach einer adäquaten Regulierung. Ökonomisch kann man zeigen, dass der Aufbau großer Datenbestände unter spezifischen Bedingungen zu monopolartigen Strukturen bei Anbietern führen kann. Dies wiederum ist ein wichtiger Hinweis für die Weiterentwicklung des Wettbewerbsrechts.

Im Oktober hat das Forum Privatheit eine interdisziplinäre Konferenz zum Thema „Zukunft der Datenökonomie“ veranstaltet.© Fraunhofer ISI/Luca Abbiento

Im Oktober hat das „Forum Privatheit“ eine große Konferenz zum Thema „Zukunft der Datenökonomie“ veranstaltet. Welche Erkenntnisse haben Sie durch die Konferenz gewonnen?

Hess: Ich denke, es hat sich gelohnt, das Thema Datenökonomie umfassend aufzugreifen. Wir haben viele neue Ansätze für das Austarieren von wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Interessen gesehen. Weiterhin besonders interessant finde ich die Idee, dem Konsumenten die verloren gegangene Datenautonomie zurück zu geben – interessant deshalb, weil die Frage praktisch auch noch nicht gelöst ist. Wichtig ist uns auch, dass diese Aspekte in die breite politische Diskussion einfließen und damit Gestaltungswirkung erzielen.

Lamla: Ich möchte an dieser Stelle noch mal konkretisieren. Ein zentraler Diskussionspunkt war die Diagnose einer gesellschaftlichen Entwicklungstendenz, in der die Datenökonomie als treibende Kraft des Aufbaus umfassender Verhaltenskontrollpotenziale operiert. Und zwar mit einer gewissen Unausweichlichkeit, weil davon ökonomisches Überleben abhängt. Ein zweiter Schwerpunkt betraf die Suche nach und Identifikation von Möglichkeiten, dieser Tendenz Einhalt zu gebieten, etwa durch Institutionen und Strukturen kollektiver und öffentlicher Datenkontrolle – und zwar an vielen Stellen: im Recht, in der Zivilgesellschaft, aber auch in subversiven Praktiken.

Welche Schlüsse ziehen Sie abschließend für sich und für die Zukunft der Datenökonomie?

Lamla: Wir sind noch lange nicht am Ziel. Es gibt noch weitere Herausforderungen und Forschungsbedarf, etwa zur Erarbeitung demokratischer und demokratiefördernder Gestaltungsansätze der Datenökonomie und zur Befähigung der Verbraucherinnen und Verbraucher sich in diesem Feld souverän und selbstbestimmt zu bewegen.