„Wir brauchen lernende Abwehrsysteme gegen die Machenschaften der Fake-Shops“

Joachim Feist, Geschäftsführer der mindUp Web + Intelligence GmbH in Konstanz, erforscht im interdisziplinären Forschungsprojekt INSPECTION Lösungen, um Hacking für gefälschte Verkaufsplattformen automatisiert zu erkennen und abzuwehren.

Will Cyberkriminellen mithilfe von KI das Leben schwerer machen: Joachim Feist, Geschäftsführer bei mindUp Web + Intelligence.© mindUp Web + Intelligence GmbH

Betreibende betrügerischer Online-Verkaufsplattformen – sogenannter Fake-Shops – machen sich zunehmend Sicherheitslücken von Webseiten zunutze. Sowohl für die Menschen und Organisationen hinter seriösen Webseiten als auch für Online-Shoppende bedeutet dies ein Risiko. Käuferinnen und Käufer werden bei den unseriösen Angeboten zur Zahlung mittels Vorauskasse oder per Kreditkarte aufgefordert − für Waren oder Dienstleistungen, die häufig gar nicht existieren.

Gerade in der gegenwärtigen Lage verschärft sich das Problem: Viele der Fake-Shops vermarkten in der Pandemie-Krise wichtige Produkte wie Schutzkleidung, Schnelltests oder Desinfektionsmittel. Und das erfolgreich – denn hinter der Masche steckt System: Für hohe Besuchsströme hacken Fake-Shop-Betreibende seriöse Webseiten und richten unerkannt automatisierte Weiterleitungen zu ihrer gefälschten Plattform ein. Die Fake-Shops erhöhen so ihre Sichtbarkeit in Suchmaschinen und damit ihre Erfolgsrate. Die gehackte Webseite kann dann auch für andere Formen des Missbrauchs genutzt werden: zum Beispiel zum Versenden von Spam oder zur Verbreitung von Ransomware.

Im Interview erklärt Joachim Feist, welchen Ansatz die Forschung verfolgt. Er ist Koordinator des BMBF-geförderten Projekts INSPECTION und bringt dabei seine Expertise in Web-Mining und Web-Crawling ein. Die Schlüsseltechnologie dahinter: Künstliche Intelligenz (KI).

Herr Feist, Ihnen begegnen bereits seit vielen Jahren Fake-Shops und damit verbunden Angriffe auf seriöse Webseiten. Wie gehen die Angreifenden genau vor?
Fake-Shop-Betrüger bringen ihre neuen Domänen dadurch in die Suchmaschinen, dass sie sich geschickt mit ihren Themen in fremde, häufig themennahe Webseiten einnisten.

Welchen Vorteil erhoffen sich die Hacker?
Durch das gezielte Hacking von bestehenden Domänen macht sich der Betrüger die über Jahre gewachsene Reichweite, das gute Suchmaschinen-Ranking sowie die positive Reputation der gehackten Seite zunutze. Um eine Zahl zu nennen: Auch wenn thematisch zwischen Fake-Shop und der so genannten gehackten Wirtsseite keine Übereinstimmung besteht, kann der Angreifer bereits über Nacht zehntausend Themenseiten seines Fake-Shops im Suchindex der Suchmaschinen erfolgreich platzieren und damit eine hohe Anzahl an Webbesuchen generieren.

Welche Webseiten sind besonders häufig Ziel solcher Angriffe?
Im Visier sind häufig sehr kleine Webseitenbetreiber. Opfer sind also vor allem Vereine, freiberuflich Tätige oder Selbstständige, etwa aus dem Handwerksbereich. Aber auch Privatpersonen. Sicherheitslücken bestehen hier oft deshalb, weil die Betreiber ihre Webseiten als einmalige Marketinginvestition verstehen. Sicherheitskonzepte werden nicht konsequent verfolgt.

Warum können sich Fake-Shops im Internet so breitmachen?
Die Hacker wissen: Das Risiko der Strafverfolgung ist gering. Zumeist stehen für die Straftaten genutzte Server außerhalb von Deutschland und Europa – die Kriminellen sind dadurch hierzulande schwer identifizier- und greifbar. Auch unsere Versuche, Fake-Shops an die Strafverfolgungsbehörden, die Internetregistrare oder den Verbraucherschutz zur Schließung weiterzuleiten, um sie so zu stoppen, schlugen fehl. Unsere aktuellen gesetzlichen Regelungen können gegen international agierende Cyberkriminelle wenig ausrichten. Darüber hinaus ist es schwierig, die Betreiber adäquat über einen erfolgten Angriff zu informieren, weil eine E-Mail, die ein Hacking thematisiert, im Regelfall nicht gelesen oder ernst genommen wird. Zunächst muss also unbedingt fallbezogen ein verlässlicher Kommunikationskanal zu den Zuständigen gefunden werden. Meist können die Betroffenen auch aufgrund fehlenden IT-Know-hows nicht schnell genug handeln.

Wie soll INSPECTION künftig helfen?
Im Mittelpunkt unserer Idee steht zum einen das Aufspüren der gehackten Seiten und zum anderen die zielgerichtete, weitgehend automatisierte und frühzeitige Warnung der Betreiber der gehackten Seiten. Denn das reine Erkennen bleibt nutzlos, wenn es keine Maßnahmen gibt, das Problem zu beheben. Im Projekt bringen hier die Cybersecurity-Experten der BDO AG ihr Wissen ein. Sie durchleuchten die Art und Weise der Hackings und können aus der Erkenntnis Lösungen extrahieren, um den Betroffenen schnell Hilfestellung zu geben – auch wenn diese kein Expertenwissen haben. Forschende am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) bauen auf diesen Erkenntnissen auf und entwickeln ein optimales Verfahren, um Betroffene zu informieren − etwa über Polizeibehörden, Branchenverbände oder Webhoster.

Welchen technischen Ansatz verfolgen Sie, um zu erkennen, ob eine Webseite gehackt wurde?
Das Gute an dieser Form des Hackings ist, dass wir es von „außen“ erkennen können. Wir verfolgen dabei einen Big-Data-Ansatz, indem wir im großen Stil in shopping-affinen Themenbereichen Suchmaschinenergebnisse überwachen. Alle gefundenen Webseiten werden thematisch eingestuft: Sowohl die für einen Suchbegriff wie „Nike Air Max“ gefundene Seite einer Domäne als auch die Webdomäne, wenn man diese von der Startseite her besucht. Eine als im Themengebiet „Handwerk“ klassifizierte Domäne, die in der Suchmaschine mit Seiten für Turnschuhe gefunden wird, ist dabei auffällig.

Weshalb bietet KI hierfür so große Chancen?
Techniken des maschinellen Lernens sind sehr gut geeignet, um solche thematischen Klassifikationen aus großen Datenmengen einzutrainieren. Das genannte Schuhbeispiel ist nämlich nur eines von vielen. Es gilt etwa auch, Fälle zu erkennen, in denen eine legale Online-Apotheke gehackt wurde, um auf eine illegale Online-Apotheke zu verlinken. Dieser Fall ist dann nicht mehr thematisch erkennbar. Zu den thematischen Merkmalen treten daher viele weitere Parameter hinzu, die durch ein lernendes System ebenfalls auf Basis zuvor klassifizierter Fälle herangezogen werden können. Zu beachten ist auch, dass Kriminelle derartige Betrugsmaschen immer weiterentwickeln. Feste Heuristiken würden hier mit der Zeit ins Leere laufen, während ein mitlernendes System auch neuartige Mechanismen erkennen kann.

Gibt es kategorische Unterschiede zwischen den von Ihnen gesichteten gefälschten Plattformen?
Bei den Fake-Shops gibt es solche, die das Ziel haben, Plagiate großer Modemarken oder bekannter Medikamente zu vertreiben. Eine zweite Gruppe von Fake-Shops beabsichtigt überhaupt nicht, jemals Ware zu verschicken, sondern hat es lediglich auf das Geld oder die Kreditkartendaten der Verbraucher abgesehen. Häufig erfolgen dort nach der eigentlichen Bestellung weitere Belastungen der Kreditkarte. Diese Fake-Shops bedienen einen deutlich größeren Themenbereich und kopieren zum Beispiel Produktbestände großer Markplätze. Einfach lässt sich also trennen in „Warenbetrug“ versus „Phishing von Kreditkartendaten“. Auch in der Professionalität unterscheiden sich die Seiten. Es gibt auf Masse angelegte gefälschte Shops, die Hunderte von „abgelegten“ Domänen nutzen − also solche, die vorherige Inhaber nicht mehr besitzen. Fake-Shops verwenden diese Domänen, da noch Verlinkungen auf die alten Seiteninhaber existieren und damit eine Listung in der Suchmaschine für die neuen Themen erleichtert wird. Neben solchen Massen-Shops gibt es aber auch sehr aufwändig erstellte einzelne Shops – teilweise inklusive Impressum und Gütesiegel − deren Fälschung kaum zu erkennen ist. 

Angreifer spähen Schwachstellen im Internet aus und nutzen sie für Fake-Shop-Werbung – das Projekt INSPECTION will Abhilfe verschaffen. © Adobe Stock/Yucel Yilmaz

Herr Feist, zum Schluss ein Blick nach vorne: Was ist Ihre Vision für ein besseres, sichereres Internet?
Die Informationsfreiheit des Internets werden wir uns immer wieder neu erkämpfen müssen. Mit INSPECTION möchten wir dazu beitragen, die positiven Seiten des Internets zu stärken und gerade die Gruppe von Webseitenbetreibern zu unterstützen, die keine oder nur kleine Budgets für Internetsicherheit haben. Die große Menge an assoziierten Partnern in unserem Projekt − von Webhostern über Branchen- und Sicherheitsverbände bis hin zu Multiplikatoren aus Österreich und der Schweiz − ermöglicht einen thematischen und länderübergreifenden Ansatz zum Verhindern dieser Form des Missbrauchs.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

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